Mein
junger Sohn fragt mich [2]
: Soll ich Mathematik lernen?
Wozu,
möchte ich sagen. Daß zwei Stücke Brot mehr ist als eines
Das
wirst du auch so merken.
Mein
junger Sohn fragt mich: Soll ich Französisch lernen?
Wozu,
möchte ich sagen. Dieses Reich geht unter. Und
Reibe
du nur mit der Hand den Bauch und stöhne
Und
man wird dich schon verstehen.
Mein
junger Sohn fragt mich: Soll ich Geschichte [3]
lernen?
Wozu,
möchte ich sagen. Lerne du deinen Kopf in die Erde stecken
Da wirst
du vielleicht übrigbleiben.
Ja,
lerne Mathematik, sage ich
[4]
Lerne Französisch, lerne Geschichte!
[1] Warum
Thema Lernen gerade zu diesem Zeitpunkt ?
[2] Das lyr.
Ich [Vater / Mutter ?] wird vom jungen Sohn dreimal
gefragt, ob es bestimmte Fächer lernen soll.
Diese drei Fächer stehen für die Lernbereiche der gymnasialen Oberstufe (Naturwissenschaften, Framdsprachen, Gesellschaftswissenschaften) und repräsentieren damit den Bildungskanon.
Das lyr. Ich möchte (Modalverb, wie ein Konjunktiv = Potentialis gebraucht) als Angesprochener (im Hinblick auf die Zeitumstände) voreilig die Frage negativ beantworten (fiktive / theoretische Antwort). In Form eines inneren Monologs konstatiert es zunächst, daß zum Überleben, zur Erhaltung der nackten Existenz Rechnen überflüssig sei: zukünftig (Futur: wirst) merkt man, daß zwei Stücke Brot mehr ist [sic!] als eines.
Auf die Frage, ob er Französisch lernen soll, erhält der Sohn zur Antwort: Dieses Reich geht unter. Ist damit Frankreich oder das Dritte Reich gemeint? Wenn Frankreich unterginge, bräuchte man weder Französisch noch müßte man sich durch Gesten verständigen. Also ist das Dritte Reich gemeint: Als Soldat bzw. Gefangener im Ausland bzw. gegenüber den französischen Besatzern muß man und kann man sich non-verbal verständigen.
[3] Das Motiv
des Vogel Strauß, der angeblich bei Gefahr seinen
Kopf in den Sand steckt, wird hier bemüht, um das
Lernen historischer Fakten zunächst abzulehnen. Diese Ablehnung
wird aber relativiert durch das vielleicht: wenn man
aus der Geschichte nicht lernt, wie Kriege entstehen und wie man
sie aktiv verhüten kann, dann bleibt man nur
vielleicht übrig.
[4] Abrupt
erfolgt dann die positive , jetzt ausgesprochene und nicht mehr
nur gedachte Aufforderung Ja, lerne... sage ich.
Durch diese Dialektik (V-Effekt) soll der Leser aufgefordert
werden, den Gedankengang, der zu dieser entgegengesetzten
Aufforderung führte, selbst zu erarbeiten, damit er als
eigenständiges Denkergebnis, nicht als aufgepfropfte
Zeigefinger-Didaktik besser wirkt.