Varianten zu dieser Darstellung: 1940 / Lob des Lernens / Ich habe gehört...
Download der optisch aufbereiteten Texte mit Anmerkungen
Bertolt Brecht: 1940 [1]
Mein junger Sohn fragt mich [2]: Soll ich Mathematik lernen?
Wozu, möchte ich sagen. Daß zwei Stücke Brot mehr ist als
eines
Das wirst du auch so merken.
Mein junger Sohn fragt mich: Soll ich Französisch lernen?
Wozu, möchte ich sagen. Dieses Reich geht unter. Und
Reibe du nur mit der Hand den Bauch und stöhne
Und man wird dich schon verstehen.
Mein junger Sohn fragt mich: Soll ich Geschichte [3] lernen?
Wozu, möchte ich sagen. Lerne du deinen Kopf in die Erde stecken
Da wirst du vielleicht übrigbleiben.
Ja, lerne Mathematik, sage ich [4]
Lerne Französisch, lerne Geschichte!
Bertolt Brecht: Lob des Lernens [5]
Lerne das Einfachste [6]! Für die
Deren Zeit gekommen ist [7]
Ist es nie zu spät!
Lerne das Abc, es genügt nicht, aber
Lerne es! Laß es dich nicht verdrießen [8]!
Fang an! Du mußt alles wissen!
Du mußt die Führung übernehmen [9].
Lerne, Mann im Asy l[10]!
Lerne, Mann im Gefängnis!
Lerne, Frau in der Küche!
Lerne, Sechzigjährige!
Du mußt die Führung übernehmen.
Suche die Schule auf, Obdachloser [11]!
Verschaffe dir Wissen, Frierender!
Hungriger, greif nach dem Buch: es ist eine Waffe.
Du mußt die Führung übernehmen.
Scheue dich nicht zu fragen, Genosse [12]!
Laß dir nichts einreden
Sieh selber nach!
Was du nicht selber weißt
Weißt du nicht.
Prüfe die Rechnung
Du mußt sie bezahlen.
Lege den Finger auf jeden Posten [13]
Frage: Wie kommt er hierher?
Du mußt die Führung übernehmen [14].
Bertolt Brecht:Ich habe gehört, ihr wollt nichts lernen
Ich habe gehört, ihr wollt nichts lernen [15]
Daraus entnehme ich: ihr seid Millionäre.
Eure Zukunft ist gesichert - sie liegt
Vor euch im Licht. Eure Eltern
Haben dafür gesorgt, daß eure Füße
An keinen Stein stoßen. Da mußt du [16]
Nichts lernen. So wie du bist
Kannst du bleiben.
Sollte es dann noch Schwierigkeiten geben,
Da doch die Zeiten
Wie ich gehört habe, unsicher sind [17]
Hast du deine Führer, die dir genau sagen
Was du zu machen hast, damit es euch gut geht [18].
Sie haben nachgelesen bei denen
Welche die Wahrheiten wissen
Die für alle Zeiten Gültigkeit haben
Und die Rezepte, die immer helfen [19].
Wo so viele für dich sind
Brauchst du keinen Finger zu rühren [20].
Freilich, wenn es anders wäre
Müßtest du lernen.
[1] Warum Thema "Lernen" gerade
zu diesem Zeitpunkt ?
[2] Das lyr. Ich [Vater / Mutter ?] wird vom "jungen
Sohn" dreimal gefragt, ob es bestimmte Fächer lernen soll.
Diese drei Fächer stehen für die Lernbereiche der gymnasialen
Oberstufe (Naturwissenschaften, Framdsprachen,
Gesellschaftswissenschaften) und repräsentieren damit den
"Bildungskanon".
Das lyr. Ich "möchte" (Modalverb, wie ein Konjunktiv =
Potentialis gebraucht) als Angesprochener (im Hinblick auf die
Zeitumstände) voreilig die Frage negativ beantworten
(fiktive / theoretische Antwort). In Form eines inneren Monologs
konstatiert es zunächst, daß zum Überleben, zur Erhaltung der
nackten Existenz Rechnen überflüssig sei: zukünftig (Futur:
"wirst") merkt man, daß zwei Stücke Brot mehr ist
[sic!] als eines.
Auf die Frage, ob er Französisch lernen soll, erhält der Sohn
zur Antwort: "Dieses Reich geht unter." Ist damit
Frankreich oder das Dritte Reich gemeint? Wenn Frankreich
unterginge, bräuchte man weder Französisch noch müßte man
sich durch Gesten verständigen. Also ist das Dritte Reich
gemeint: Als Soldat bzw. Gefangener im Ausland bzw. gegenüber
den französischen Besatzern muß man und kann man sich
non-verbal verständigen.
[3] Das Motiv des "Vogel Strauß", der angeblich bei
Gefahr seinen Kopf "in den Sand steckt", wird hier
bemüht, um das Lernen historischer Fakten zunächst abzulehnen.
Diese Ablehnung wird aber relativiert durch das
"vielleicht": wenn man aus der Geschichte nicht lernt,
wie Kriege entstehen und wie man sie aktiv verhüten kann, dann
bleibt man nur "vielleicht übrig".
[4] Abrupt erfolgt dann die positive , jetzt ausgesprochene und
nicht mehr nur gedachte Aufforderung "Ja, lerne... sage
ich". Durch diese Dialektik (V-Effekt) soll der Leser
aufgefordert werden, den Gedankengang, der zu dieser
entgegengesetzten Aufforderung führte, selbst zu erarbeiten,
damit er als eigenständiges Denkergebnis, nicht als
aufgepfropfte Zeigefinger-Didaktik besser wirkt.
[5] Hier wird schon im Titel das "Lob des Lernens"
deutlich.
[6] Mit den wiederholten Imperativen werden die Adressaten
aufgefordert zu lernen, sie sollen mit dem
"Einfachsten", z.B. dem "Abc" anfangen, auch
wenn diese Grundlagen nicht ausreichen.
[7] Wer sind "die, deren Zeit gekommen ist" ? Für den
Kommunisten Brecht das Proletariat, die endlich der
Unterdrückung entfliehen sollen.
[8] verdrießen = ärgere dich nicht, mach dir nichts daraus
(vgl. Verdruß)
[9] Das Ziel des Lernens wird leitmotivisch in der jeweils
letzten Zeile jeder Strophe und zusätzlich in der Mitte der
zweiten Strophe (im Zentrum) angegeben: "Du mußt die
Führung übernehmen." (Resümee)
[10] Nach der pauschalen Aufforderung zu lernen an einen anonymen
Adressatenkreis wird dieser nunmehr konkretisiert: zweimal werden
Männer genannt, zweimal Frauen, jedoch in einem Kontext, der das
Lernen (scheinbar) fragwürdig macht. Doch auch Asyl im Ausland
(Emigration) und Haft gehen vorüber, eine Frau ist nicht auf die
"drei K" (Kinder, Küche, Kirche) festegelegt, auch
eine Seniorin kann durch Lernen ihre Lebenserfahrung noch an die
nächste Generation kompetenter weitergeben.
[11] Selbst wenn die Grundfunktionen der Existenz, ein Dach über
dem Kopf, Wärme und Nahrung fehlen, soll man die Schule
aufsuchen, sich Wissen verschaffen, denn das Buch "ist eine
Waffe", mit der man kämpfen kann.
Seite: 1
[12] Wenn man keine Kenntnisse hat, ist die einfachste Methode,
Fragen zu stellen ("Wo steht das ?" "Wieso,
weshalb, warum. Wer nicht fragt, bleibt dumm.") Doch besser
ist es, sich "nichts einreden" zu lassen und selber
nachzusehen. "Wissen ist Macht." "Wer nichts
weiß, muß alles glauben." "Jemandem ein X für ein U
vormachen." [Wenn ein Wirt früher V Bier notiert hatte und
schrieb etwas unordentlich, wurden daraus schnell X Bier. Das
lateinische Zahlzeichen V diente auch als Buchstabe U.]
[13] RechnungsPOSTEN
[14] Die Anwendung, das Ziel des Lernens
[15] Während sich "Lob des Lernens" an Erwachsene
wendet, sind hier die Adressaten des lyrischen Ichs Kinder. Aus
der Unterstellung / Information vom Hörensagen, schlußfolgert
es provokant, daß die Ansprechpartner so viel Geld hätten, daß
ihre "Zukunft [...] gesichert" sei. Sie liege klar vor
ihnen "im Licht" [und die im Dunkeln sieht man
nicht...]. Die Eltern haben ihnen den Weg geebnet [Psalm
91,11.12: "Denn er hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich
behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich auf den Händen
tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest."
Vgl. auch Matth. 4,6: "und sprach zu ihm: Bist du Gottes
Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: Er wird
seinen Engeln überdies Befehl tun, und sie werden dich auf den
Händen tragen, auf daß du deinen Fuß nicht an einen Stein
stoßest."
[16] Unvermittelt wechselt das lyr. Ich vom Plural in den
Singular, durch die unmittelbare Ansprache wirkt die Aussage
persönlicher, direkter. Unter dieser Prämisse "mußt du
nichts lernen", man muß sich nicht ändern.
[17] Vom Hörensagen hat das lyr. Ich die unbestimmte
Information, daß die Gegenwart doch nicht so sicher ist. -
[18] Doch wenn es deswegen Schwierigkeiten geben sollte, hast du
deine Führer, die dir genau sagen, was du zu machen hast, damit
es euch gut geht." Hier hat der Wechsel vom Singular zum
Plural eine inhaltliche Entsprechung: der Gegensatz zwischen
Individuum und Kollektiv wird übergangen, das Allgemeinwohl
(oder das der "Führer" allein) wird mit dem
Individualinteresse gleichgesetzt.
[19] Wenn die Führer nachgelesen haben, könnte man das auch
selbst tun und die Aussagen überprüfen. So ist man auf deren
Information angewiesen. Diese Information ist aber falsch, es
gibt viele Lügen, aber nur eine Wahrheit (die Unmöglichkeit des
Plurals wird deutlich in der verballhornten Eidesformel:
"Ich schwöre, die Wahrheiten zu sagen und nichts als die
Wahrheiten.") Die Wahrheit ist aber historisch wandelbar
(wächst mit der Erkenntnis: die Erde ist eine Scheibe, die Erde
bildet den Mittelpunkt des Weltalls...), hat also nicht
"für alle Zeiten Gültigkeit", so wie es auch keine
"Rezepte [gibt], die immer helfen."
[20] Noch einmal wird betont, daß ein Millionär mit seinem
Vermögen, seinen Eltern, seinen Führern und Helfern es nicht
nötig hat, einen "Finger zu rühren." Dann kommt
wieder unvermittelt der dialektische Gegensatz, der zum
eigenständigen Nachdenken, zum dauerhaften Erkenntnisgewinn
auffordert: "Freilich, wenn es anders wäre / Müßtest du
lernen." Man wird vor die Entscheidung gestellt, ob die
Voraussetzungen / Annahmen stimmen, oder ob man doch selbst
lernen muß.